:: gastbeitrag // das eigene und das fremde - von jens langer



DAS EIGENE UND DAS FREMDE

Beobachtungen zu Andreea Dumitru, Inter- und Multikulturalität in Eginald Schlattners Romantrilogie Versunkene Gesichter


Noch schwärmen Siebenbürger Sachsen von ihrem großartigen Treffen in Hermannstadt Anfang August 2017 (Vgl. B.Ungar, Von Heimat und Apfelbäumchen: HZ 11.8.2017; Siebenbürgen aktuelles Thema für siebenbürgisch-sächsische Jugend im Ausland: ADZ-Gespräch mit E.Drottleff (...): ADZ 6.9.2017 ) Werden die Enkel der Ausgewanderten nach dieser Inspiration mit neuem Schwung mehr und mehr Aufgaben auch in der süßen Heimat übernehmen und diese auf sächsische Art stärken? Mir ist diese Sicht auf die Zukunft genauso kürzlich freundschaftlich mitgeteilt worden. Hierbei handelt es sich selbstredend um eine spontane Äußerung nach einem aktuellen Ereignis. Andererseits gibt es immer noch festgefahrene Positionen. Eine solche Haltung wird beispielsweise von einer kritischen Sächsin zitiert, die den Kontakt zu ihrer Herkunftskultur bewußt abgebrochen hat:“Die Sachsen sind alles, die anderen sind minderwertig.“ (S.Pichotta, Schicksale - Deutsche Zeitzeugen in Rumänien, Schiller:Hermannstadt 2013, S. 111). Seinerzeit ist kein Aufschrei des Für und Wider gegenüber dieser Einstellung zu hören gewesen, aber ganz unabhängig von Ethnozentrismus und Event hat Andreea Dumitru 2017 ein Buch vorgelegt, das den Beziehungen, Wechselwirkungen und Ergebnissen im Zusammenleben der verschiedenen Völker in Rumänien nachgeht, und zwar anhand von Eginald Schlattners Romantrilogie. Die Autorin enfaltet eingängig und schlüssig, wie Schlattner die Welt des Mit-, Neben- und bisweilen auch Gegeneinander in nuce veranschaulicht. Schlattner weiß, wovon er schreibt; denn er hat diesen farbenprächtigen grandiosen Mikrokosmos, in dem das siebenbürgische Leben spielt, ausgelebt und durchlitten. So hat er insgesamt ohne Besserwisserei, aber im Mitleiden, Ausharren und Durchstehen ein spannendes Lehrstück entworfen, aus dem Zukunftswissen geschöpft werden kann.
Der geköpfte Hahn“ (1998) bildet bewegend (!) das traditionell erstarrte Nebeneinander der Ethnien ab, wie freundlich es im einzelnen auch immer sich gestalten mag. „Rote Handschuhe“ (2000) führt aus den siebenbürgischen Ebenen und Höhen in eine „Miniaturgesellschaft“ wie die Autorin sich ausdrückt:“Interkulturelles Treffen in der Zelle 28“ lautet eine Zwischenüberschrift ihres Buches. Hinter Gittern „eine Art Klassenzimmer“, „in dem man durch gezwungene Interaktion interkulturelle Kontakte knüpft, die in der Freiheit unmöglich gewesen wären“ (S.127) . Weil sich die Verhafteten dieser Realität nicht entziehen können, werden Lernprozesse initiiert und aktiviert: „Die Inhaftierten werden mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Konfessionen, Wert- und Normvorstellungen konfrontiert, die sie dann mit den eigenen vergleichen“. (S. 129) Die wachsende interkulturelle Kompetenz bewirkt zusehends ebensolche Kommunikation untereinander. „Das Klavier im Nebel“ (2007) veranschaulicht drastisch Deportation und Enteignung des siebenbürgisch-sächsischen Bürgertums, aber gerade auf diesem gesellschaftlichen Schicksalsweg eben auch Liebe, hier exemplarisch zwischen Clemens Rescher und der Rumänien Rodica Neagoie, „Kuhmagd, Klavierspielerin und Bibliothekarin“ (S. 86). Dazu tritt auch andere Lebenswelt aus fremden kulturellen und sozialen Zusammenhängen, wie z.B. am Hirten Bade Timoftei sichtbar wird. Das junge Paar gewinnt Kenntnisse vom Leben des anderen und entwickelt dergestalt einen interkulturellen Horizont. Realistisch, nüchtern und bitter zugleich die Bilanz von Dumitru: „Der Roman zeigt, dass Lebensformen von historischen Gegebenheiten direkt beeinflußt werden. Der kommunistische Eingriff in das Leben der Menschen wirkt sich auf alle Bereiche aus und bedeutet im Sinne des interkulturellen Dialogs sogar eine Bereicherung.“ ( S.119) Was die Literatur- und Kulturforscherin hier beschreibt, ist mit Schlattners opus magnum faktisch und zugleich symbolisch ebenfalls geschehen: Die Romane „Der geköpfte Hahn“ und „Das Klavier im Nebel“ wurden 2006/07 bzw. 2009/10 von dem rumänischen Regisseur Radu Gabrea verfilmt. (Vgl. G.Calutiu-Sonnenberg, Abschied in Rothberg. Eine Begegnung mit Eginald Schlattner: Deutsches Pfarrerblatt 8/2017).Eine Grenzüberschreitung aus zwei Kulturhorizonten heraus und eine Bereicherung für beide Seiten einer gemeinsamen Gesellschaft!
Auf einer weiteren Ebene vollzieht sich ebenfalls eine sachte Bewegung zur Begegnung und Entdeckung des anderen. Die rumänische Mehrheitsgesellschaft bemerkt das architektonische Erbe der sächsischen Gemeinschaft langsam als gesamtkulturelles Anliegen. Das zeigt sich im Interesse von verschiedenen Verwaltungsebenen am Erhalt der Kirchenburgen, und eine sächsische Stiftung fördert dieses Interesse, das in größere Verantwortung von Kommunen und Staat münden soll (vgl. M. Mundt, Verankerung des sächsischen Kulturerbes in der rumänischen Gesellschaft hat erst begonnen :ADZ 1.9.2017).
Schlattner selbst hat bereits einst viele Monate vor seinem 80.Geburtstag einen Akt der inneren Befreiung erlebt und im damaligen Advent mit einer öffentlichen Geste des Segens symbolisch
das Rothberger Kirchengebäude an die neuen Bewohner und alten Sorgenkinder übergeben, an die Waldorfschule „Hans Spalinger“ und die darin unterrichteten Kinder der dunklen Geschwister unten vom Bach. Der pensionierte Pfarrer konnte natürlich keinen juristische Übergabe vollziehen. Es war eine sinnbildliche Übergabe vom Herzen her, die zeigte, daß er die kulturelle Transformation verstanden hat und bejaht. Er kann das Krippenspiel nun in der Sprache der Mehrheit hören, gespielt von der gebeutelten ziganen Ethnie. Die Laute mögen fremd klingen, ihm sind sie vertraut und er kann darin auch die eigene Sehnsucht nach Ewigkeit vernehmen und erwirbt so Bürgerrecht im Zukunftsland.

Zu Schlattners 84. Geburtstag am 13.9. hat dieser Titel von Andreea Dumitru gewiß längst auf dem Gabentisch gelegen. Er zeugt von der kulturellen Kompetenz des 50. evangelischen Pfarrers in Rothberg/Rosia. Was die Autorin darin akademisch analysiert, klingt nie langweilig, sondern zeugt von dieser Kraft des Protagonisten. Nicht zuletzt ist das Buch selbst auch Teil der Lebensprozesse, die es beschreibt. Und im Mai 2018 sollen die „Roten Handschuhe“ übrigens auf Russisch im Buchhandel sein! An einer japanischen Übersetzung wird ebenfalls gearbeitet. Aber noch vor diesen Ereignissen rangiert die Edition von „ Die sieben Sommer meiner Mutter. Ersonnene Chronik“ zur Leipziger Buchmesse. Damit wird das Schlattnersche Werk abgeschlossen. Der Kampf um das Erscheinen dieses literarischen Schlußsteins hat rund zehn Jahre transsilvanischen Langmuts gekostet. Insgesamt hat der Dichter nunmehr ein Sprach-Gedächtnis der siebenbürgischen Wunden und Wunder entworfen und ausgebaut auf Zukunft.Alle antragsberechtigten Institutionen und Einzelpersonen (s. Artikel Nobelpreis bei WIKIPEDIA 5.1 Nominierungsrecht) sollten die Gelegenheit nutzen, für die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Schlattner zu werben, den er m.E. schon vor Jahren gemeinsam mit Herta Müller hätte bekommen sollen. Angesichts eines 84. Geburtstages ist die Frist für ein solches Engagement nicht grenzenlos.So oder so, Rothberg/Rosia, der mons rubens, strahlt weiterhin Faszination für eine wahrhaft europäische Literatur aus.

Die Erfüllung des angesprochenen Anliegens von der Sache, der Person und dem Herzen her steht allerdings in den Sternen. Es hat sich nämlich seit Jahrzehnten eine einflußreiche Schar von Neinsagern und Verhinderern etabliert, die auf die Isolation des Autors hinwirken. Schlattner ist auch ohne sie und trotz ihrer zu einem europäischen Schriftsteller geworden Wenn sich nun die Stimme unseres Blattes mit der vox humana eines aus hiesiger Perspektive in einem abgelegnen Winkel Südosteuropas lebenden poeta transsilvvanus verbindet, soll damit wenigstens auf die Berechtigung, Notwendigkeit und Dringlichkeit der Anerkennung eines Lebenswerkes hingewiesen werden. Das immerhin kann hiermit geschehen.

Jens Langer, Rostock

Redaktionelle Notiz: Den vorstehenden Text drucken wir mit einer gegenüber dem Original erweiterten Schlußpassage ab. Ohne dieselbe ist er erschienen in der „Hermannstädter Zeitung“ Nr. 2545 vom 8.9. 2017. Die positiven Reaktionen darauf haben unseren Autor nach jahrelanger Befassung mit den Büchern Schlattners veranlaßt, in der Schlußpassage noch einem langgehegten Anliegen Ausdruck zu verleihen.

Siebenbürger Sachsen: Deutsche Bewohner Siebenbürgens/Transsilvaniens
HZ: Hermannstädter Zeitung – rumäniendeutsches Wochenblatt
ADZ: Allgemeine Deutsche Zeitung – rumäniendeutsche Tageszeitung aus Bukarest

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